Mundart in der Schule

Schwäbisch als 16. Muttersprache

10.12.15: Jürgen Riedel zu Gast am Goldberg-Gymnasium in Sindelfingen, Bild: Matthias Staber
10.12.15: Jürgen Riedel zu Gast am Goldberg-Gymnasium in Sindelfingen, Bild: Matthias Staber

In Zusammenarbeit mit der Initiative „Mundart in der Schule“ hat die Lehrerin Dr. Katrin Eberle den Kinderbuchautor Jürgen Riedel in ihre fünfte Klasse des Sindelfinger Goldberg-Gymnasiums geholt. Dort präsentierte der pensionierte Kriminalbeamte die beiden Bände seiner Bilderbuchgeschichte „Im Land der wilden Biber“, die von Thomas Dietz illustriert wurden.

15 verschiedene Muttersprachen werden in der Klasse 5a am Sindelfinger Goldberg-Gymnasium gesprochen – von kroatisch und serbisch über türkisch, persisch, russisch, tschechisch, ungarisch und mazedonisch bis hin zu spanisch, deutsch und chinesisch. Etwas zu kurz kommt da bisweilen eine ganz besondere Sprache, die nur von drei Schülern der Klasse gesprochen, aber von den meisten verstanden wird: das Schwäbische.

 


Es sei wichtig, diese Sprache, „die bis vor 50 Jahren von so gut wie jedem Menschen hier gesprochen wurde“, kennenzulernen, sagt Klassenlehrerin Dr. Katrin Eberle, die vor Kurzem den Deutschen Lehrerpreis in der Kategorie „Schüler zeichnen Lehrer aus“ gewann. Denn durch „das Spielen mit Sprache“ könne man ein Bewusstsein für regionale Identität bekommen.

„Ich bin bekennender Schwabe“, sagt der Pfullinger Jürgen Riedel, der seit elf Jahren Kinderbücher schreibt. „Davon leben muss ich als pensionierter Kriminalbeamter nicht“, erläutert Riedel im Interview-Kreuzfeuer der interessierten Kinder: „Sonst wäre es nicht möglich.“ Einen Euro bekommt er pro verkauftem Buch: Die Kinder der 5a wollen es ganz genau wissen.

„Sind Schwaben geizig?“ Auch das wollen die Schüler wissen, und Jürgen Riedel antwortet mit einem Lächeln: „Schwaben sind nicht geizig. Wer so etwas sagt, hat keine Ahnung. Schwaben sind sparsam und wollen ihr Sach’ zusammenhalten.“ Mehrmals pro Jahr geht Jürgen Riedel in Schulklassen hinein, präsentiert seine Bücher, deren Autor und das Schwäbische. Dass er daran eine Riesenfreude hat, ist in der 5a am Sindelfinger Goldberg-Gymnasium deutlich zu spüren.

 

 

Die Freude beruht auf Gegenseitigkeit: Das Interesse der Kinder sowohl an der Person des Autors als auch an dessen Biber-Geschichten, die Jürgen Riedel auf Hochdeutsch und auf Schwäbisch vorträgt, ist groß. Darüber, wie viel Schwäbisch die Sindelfinger Kinder verstehen, ist Jürgen Riedel wiederum erstaunt: „Vor Kurzem hat in einer Klasse in Backnang so gut wie kein Kind Schwäbisch verstanden.“

Für die Klasse 5a ist der Besuch von Jürgen Riedel der Auftakt eines Schwäbisch-Projekts, das Katrin Eberle in Zusammenarbeit mit der Initiative „Mundart in der Schule“ unter der Federführung von Dr. Wolfgang Wulz auf die Beine stellt. Zusammen mit dem Lehrer Tilman Nagel interviewt die Klasse derzeit Sindelfinger Schwaben. Mit dem Projekt wird die Klasse bei einem Wettbewerb von „Mundart in der Schule“ teilnehmen. Als 16. Muttersprache wird sich das Schwäbische so einen Platz in der Klasse 5a am Sindelfinger Goldberg-Gymnasium erobern.

 

Matthias Staber

SZBZ,  10.12.2015

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